– Bildquelle: Produzentengalerie Hamburg –
27 Hochzeiten & ein Todesfall
Frühmorgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen über den sanften Hügeln des Pays d'Auge aufgehen, macht sich Christoph Blawert auf den Weg, um einen Platz zum Malen in der freien Natur zu finden.
In der Normandie, wo die Landschaft weniger spektakulär ist als in der rauen Bretagne, hat der 1981 in Offenburg geborene Maler einen Ort gefunden, der für seine ganz speziellen Pleinair-Landschaftsbilder prädestiniert ist. Gleich neben dem mondänen Badeort Deauville liegt das kleine Städtchen Trouville mit seinem breiten Strand. Hier hat Christoph Blawert seit 2019 viele seiner Landschaftsmotive entdeckt, an strahlenden Frühlingstagen ebenso wie im warmtonigen Licht des Sommers oder Winters: Heckenlandschaften, Waldstücke, ein einsames normannisches Häuschen hinter einem weißen Zaun, ein Apfelbaum mit rosa Blüten. Dabei geht es ihm weniger um die genaue Ausarbeitung der Motive als um die Anordnung des Farbauftrags.
Alle Bilder sind in Ölfarbe auf Karton im erweiterten Postkarten- oder Grußkartenformat von 18 x 12 cm ausgeführt. Sie entstehen alla prima, d.h. die Ölfarbe wird direkt und deckend in relativ schnellen Pinselstrichen in einem Arbeitsgang aufgetragen. Retusche, Übermalen, Untermalen, Wegwischen und andere Korrekturtechniken werden zugunsten eines spontanen Stils vermieden.
Ähnlich wie die Maler des Impressionismus fängt Christoph Blawert in seinen in der Natur entstandenen Kompositionen die magische Stimmung des Augenblicks und die besondere Strahlkraft des Lichts ein. Damit eröffnet er dem Betrachter einen direkten Zugang zu seiner sinnlichen Wahrnehmung im Moment des Malens. Damit steht er zum einen in der malerischen Tradition so berühmter Künstlerkollegen wie Monet, Sisley, Renoir, Pissarro, Cézanne und van Gogh, die ebenfalls in der Normandie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Impressionismus einen neuen Stil begründeten, der die Malerei revolutionierte. Es gibt aber auch Parallelen zu den Landschaften, die der 44 Jahre ältere britische Maler David Hockney, der in der Normandie lebt, in den letzten Jahren geschaffen hat. Hockney malt allerdings in der Natur auf einem digitalen iPad, während Christoph Blawert es klassisch mit analogem Pinsel, Palette und Ölfarbe bevorzugt.
Blawert liebt den nomadischen Lebensstil. Er führt das Vagabundenleben eines malenden Flaneurs und organisiert manchmal eine spontane Ausstellung auf einer Parkbank am Strand von Deauville. Dazu gehören lange Spaziergänge am Meer, Übernachtungen in der freien Natur (um beim ersten Morgengrauen den perfekten Platz zum Malen zu finden), gedankenverlorenes Betrachten der Wolken (was sich dann in fast abstrakten Himmelsdarstellungen niederschlägt), gelegentliche Gespräche mit Passanten oder auch stundenlanges Verweilen und Schreiben in einem Café in Antwerpen, seinem derzeitigen Wohnort.
Einige der hier gezeigten Bilder hat Christoph Blawert während eines Spaziergangs am Rhein gemalt.Die Titel beziehen sich immer auf die Orte, an denen sie entstanden sind:"Andernach", "Loreley", "Rüdisheim" - wobei die manchmal falsche Schreibweise ein Markenzeichen des Künstlers ist.
Der Titel der Ausstellung ist eine ironische Anspielung auf die romantische Komödie Vier Hochzeiten und ein Todesfall von 1994 mit Hugh Grant in der Hauptrolle.Die kleinformatigen Arbeiten verzichten auf die Darstellung von Menschen.Sie sind friesartig in Form eines durchgehenden Bandes im Ausstellungsraum angeordnet und bieten dem Betrachter die Möglichkeit des direkten Vergleichs - vor allem im langsamen Vorbeigehen. Durch diese konzeptionelle Präsentationsweise entsteht auf eine sehr beiläufige und entspannte Art und Weise so etwas wie ein Gerhard-Richter-Moment.
Das große Diptychon im Büro der Produzentengalerie Hamburg zeigt dagegen eine Frau im Gras. Es bildet den Kontrapunkt zu den Landschaftsdarstellungen im Hauptausstellungsraum, der im Titel als "Funeral" deklariert ist.
Christoph Blawert (*1981 in Offenburg) lebt und arbeitet in Antwerpen, BE. 27 Hochzeiten & ein Todesfall ist Blawerts vierte Einzelausstellung in der Produzentengalerie Hamburg seit 2012. Seine Arbeiten wurden auch in einer Einzelausstellung bei ph-projects, dem ehemaligen Standort der Produzentengalerie Hamburg in Berlin, gezeigt und waren Teil zahlreicher Gruppenausstellungen und Projekte der Galerie. Für seine Ausstellungen entwirft Christoph Blawert oft bühnenähnliche Szenarien im Galerieraum, in Hotelzimmern, auf Parkbänken, in Kneipen, in einem Wohnwagen oder in einem Palast in Antwerpen, Berlin, Hamburg, New York, Palermo und Trouville. Seine Arbeiten wurden außerdem in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin, im Kunstverein in Hamburg, im Kunstverein Bremerhaven und im TICK TACK, Antwerpen ausgestellt. Eine Gruppenausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen wird im September 2024 folgen.
Text by Nicole Büsing and Heiko Klaas
– Textquelle: Produzentengalerie Hamburg –
AUSSTELLUNGSDAUER: 09.Februar. - 23. März 2024
Vernissage: 8. Februar 2024, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten
Mittwochs bis freitags: 12 – 18 Uhr
Samstags: 12 – 15 Uhr
Eintritt
Regulär: 0 €