Anne Meerpohl
– Feministische Malerei –
Es ist ein außergewöhnlich heißer Tag in Hamburg. Gespannt sitze ich in der Sonne und warte auf meine erste Interviewpartnerin - die feministische Künstlerin Anne Meerpohl.
Leicht war es nicht, sich mit ihr zu verabreden, denn Anne ist im Dauereinsatz. Mit dem Ehrgeiz, besonders Frauen und Queers ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft zu ebnen, fertigt sie mittlerweile nicht mehr „nur“ ausdrucksstarke Kunst an, sondern engagiert sich ebenso stark in drei feministisch motivierten Kollektiven.
So konnte man jüngst noch vor einer Woche die neue Residenz des Cake&Cash Kollektivs in der Galerie des Harburger Bahnhofs bestaunen. Von hier aus wird künftig die Organisation der vielen Workshops, Lesungen oder kuratorischen und künstlerischen Veranstaltungen fortgeführt.
Engagements wie diese bewirken, dass sich die Thematik Feminismus nicht mehr ignorieren lässt. So dürfte mittlerweile jeder ins Zweifeln kommen, ob es eigentlich okay war, der Assistenz lobend den Hintern getätschelt zu haben.
Die schwere Eingangstür des massiven Steingebäudes öffnet sich und mit einem fröhlichen „Hallo“ kommt mir beschwingt Anne entgegen. Der Stress der vergangenen Wochen ist ihr nicht anzumerken, ihre tatfreudige Energie scheint unerschüttert wie eh und je.
Sie führt mich direkt durch die vielen Gänge des kühlen Gebäudes, hinauf in ihr Atelier, welches sie sich Co-Working ähnlich mit fünf anderen Künstlerinnen teilt.
Mir öffnet sich ein lichtdurchfluteter Raum. Die Etage scheint über den Baumkronen der alten Ahorne vor dem Gebäude zu schweben. Von der Sonne gekonnt in Szene gesetzt leuchten mir Ölfarben von ihren Leinwänden entgegen.
Es duftet nach frischem Kaffee und Croissants und gemeinsam gehen wir durch den Raum zu Annes Arbeitsbereich. Obwohl dieser in einer Ecke am anderen Ende des Raumes eingerichtet ist, scheint er gar das Zentrum auszumachen - seien es die anderen Arbeitsplätze, welche darauf ausgerichtet sind, oder Leinwände der Kolleginnen, welche bei Anne sicher verstaut wurden.
Auch ich fühle mich bei ihr direkt wohl - sehe ich, dass Croissant und Kaffee wohl für mich sind.
Gemeinsam nehmen wir Platz inmitten des Rondell ähnlich aufgebauten Arbeitsplatzes und überblicken Annes Arbeitsbereich.
Auf ihrem Schreibtisch entdecke ich eine kleine Lektüreauswahl, welche Anne derzeit als Inspirationsquelle dienen, oder welche sie mit veröffentlicht hat, wie ich erfahre.
Anne schnappt sich direkt einen Kunstband über die Arbeiten von Marlene Dumas, welche bereits um 1970 begann, sich anhand ihrer Kunst für die Gleichberechtigung der Frau einzusetzen.
Gemeinsam blättern wir uns durch die abgebildeten Malereien. Dargestellt werden zum einen sanfte Szenerien wie die eines schlafenden Kindes, von welchem eine so tiefe Friedlichkeit ausgeht, als würde in diesem Moment das ganze Universum innehalten um es nicht zu wecken.
Zugleich werden Malereien von Frauen abgebildet, die sich mit nichts als Lackstiefeln bekleidet vor einem angedeuteten Schaufenster inszenieren.
Fasziniert betrachten Anne und ich die unterschiedlichen Szenerien welche von Dumas malerisch festgehalten wurden und uns dennoch die Gefühlswelt dahinter entgegenbringen.
Anne weist mich auf eine Notiz Dumas´ hin – “I Paint because I am a dirty woman. (Painting is a messy business.)”.
”Ich mag die Definition der Kunst als hartes Handwerk, welche ich hieraus für mich interpretiere. Man verarbeitet bei dieser Arbeit oft die eigenen Gefühle und die Themen, welche diese auslösen. Dabei leistet man oft vollen Körpereinsatz. Zum Beispiel wenn ich großflächig male oder die individuellen Holzrahmen für meine Leinwände unten in der Werkstatt baue”.
“I Paint because I am a dirty woman. (Painting is a messy business.)”
– Marlene Dumas über ihre Feministische Kunst und die Thematik, welche sie darin verarbeitete –
Gemeinsamer Blick in Annes Lektüre-Sortiment:
Die neuste Auflage Pop Squat (rosa) ihres Kollektivs Cake & Cash / das Buch Kanon (gelb), welches im Rahmen der Experimentellen Klasse (Hochschule für Bildende Künste) entstand / Ein Kunstband über die feministische Künstlerin Marlene Dumas
Um mir eine Vorstellung von Annes Erklärung machen zu können, schaue ich noch einmal über ihre Arbeiten.
Meine Augen bleiben an einer bemalten Leinwand hängen, welche eine - ja, doch - wunderschön dargestellte Klitoris veranschaulicht.
Ich muss es nun einfach wissen und Frage Anne direkt - „was ist es, das dich anspornt, fast deine gesamte Lebenszeit künstlerisch wie kollektiv dem Thema Feminismus zu widmen?“
„Es ist die Wut. Ich höre so viele Geschichten, ob direkt von meinen Freundinnen oder durch die Medien, wie Menschen aufgrund ihrer Sexualität aufs Schlimmste beschimpft, begrapscht oder noch schlimmer erniedrigt werden. Mir stellt sich dabei die einfach Frage, wie es überhaupt sein kann, dass viele Frauen heutzutage immer noch Angst haben müssen, alleine unterwegs zu sein. Oder sich in so vielen Bereichen ihr gleichberechtigtes Standing erst noch erarbeiten müssen. Dafür finde ich einfach keine verständnisvollen Worte.
Am Liebsten möchte ich manchmal einfach etwas an die Wand werfen, um diesen Worten Ausdruck zu verleihen!“ Anne deutet auf ihre neusten Arbeiten.
Es handelt sich um unterschiedlich große, einzelne Ölmalereien, welche losgelöst von der klassisch festgelegt quadratischen Form, eigene und individuell angefertigte Leinwände verliehen bekommen haben.
“Am Liebsten möchte ich manchmal einfach etwas an die Wand werfen, um diesen Worten Ausdruck zu verleihen!” – Anne über ihre neuste Arbeit
„Inspiriert für diese Arbeit wurde ich vom sogenannten Tomatenwurf im Jahr 1968, welcher sich während einer Versammlung ereignete, bei welcher einzig männliche Mitglieder vertreten waren, um über die für sie wichtigen Punkte zur Unterstützung der weiblichen Gleichberechtigung zu diskutierten. Eine Zuschauerin war hierüber so empört, dass sie begann, diesen mit Tomaten zu bewerfen.“
Amüsiert fügt Anne hinzu „ist es nicht faszinierend, wie die Frau ihren Arbeitsplatz, welcher ihr zugeteilt wurde, verlässt und sich diese scheinbar harmlose Zutat in die Tasche steckt, um sie als Waffe zu verwenden?
Mich beeindruckt dabei dieser wütende Ausbruch, welcher zugleich keine Boshaftigkeit in sich trägt. Meine Malereiarbeiten geben mir die Möglichkeit, diese Themen auch weiterhin unter die Menschen zu bringen und in unser aller Alltag zu integrieren.
Dabei finde ich besonders wichtig, der weiblichen Rolle in unserer Gesellschaft kein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen, sondern viel mehr die scheinbare Kluft der Kategorisierung aller Geschlechtsformen zu neutralisieren. Mein Traum hierbei wäre es, wenn wir es irgendwann schaffen, dass wir uns alle bezeichnen können wie wir wollen oder es einfach ganz lassen. Unterscheidungen aufgrund unserer Geschlechter somit aufgehoben werden und es uns möglich erscheinen kann, der eigenen Intuition einfacher nachzugehen. Ohne uns beispielsweise nach einem spontanen Kuss mit unserer besten Freundin direkt zu fragen - ups, bin ich jetzt doch lesbisch?
Ein großer Schritt in diese Richtung wäre, dass die Gesellschaft Menschen nicht mehr zweifeln lässt, ob und wie man einander begehrt, sondern dass wir eher mit dem Gefühl leben: Einfach mal machen!“
Blick in die Zukunft – Anne Meerpohl auf der “Aussichtsplattform” des Ateliers
Ausgestellt wurden Anne Meerpohls Arbeiten bereits in der Bunkerhill-Galerie (HH) oder der Galerie Ladons (HH). Und ab 24.09.2021 in Berlin, wo sie bei der Ausstellung „Scham“ in der Art Burst Berlin Galerie mit vertreten sein wird.
Wer sich gerne mehr über ihre kollektive Arbeit informieren möchte, kann dies jederzeit und mit herzlichem Willkommen hier:
Cake & Cash Kollektiv: Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Demonstrationen
Bündnis zum 8. März: Jährliche Organisation der Demonstration zum 8. März
Das Buch Kanon, welches sie im Rahmen der „Experimentellen Klassen“ an der Hochschule für Bildenden Künste vor einer Woche mit heraus gegeben hat
Vielen lieben Dank an Anne Meerpohl für ihre Zeit und den Einblick in ihre Arbeiten!
– Urban Daydreams