Zeitfang
– Analoge Momentaufnahmen –
Bildquelle: Zeitfang| https://www.instagram.com/zeitfang_/
„Photoshop kann ich nicht. Brauch ich auch nicht.“
Mit dieser erfrischend ehrlichen Selbsterkenntnis möchte ich euch hiermit einen Fotografen vorstellen, welcher seine Portraits in der musikalischen Artists-Szene findet, aber auch für namhafte Festivals und Konzerte gebucht wird.
Durch seine besondere Art, sich auf immer neue exzentrische Situationen einzulassen und dabei das geeignete Motiv abzuwarten, welches diese Momente gekonnt einfängt, schafft er einen Wiedererkennungswert, welcher von der analogen Fototechnik bestärkt wird.
So begleitet er mittlerweile musikalische Acts während ihrer Tourneen, wird für deren Fotoshootings gebucht oder liefert Material für Album-Cover.
Die Rede ist von Jonas, in der Szene bekannt als „Zeitfang“ und der auch in diesem Interview lieber hinter der Kamera (als davor / anonym) bleiben möchte.
Fotos: 1. Maurice von Bilderbuch | 2. Band Jungle | 3. Rapper Rin | 4. Sänger Drangsal | 5. Rapper Trettmann
Ich treffe Jonas vor einem billig Blumenladen am Bahnhof Altona. Ein großer junger Mann, mit beschwingten Schritten und frechem Grinsen.
Gestern fotografierte er auf dem Spektrum Festival, welches nach einem langen Corona-Lockdown unter strengsten Auflagen wieder starten durfte, heute sind wir zum Spazieren im Park verabredet.
Noch schnell eine Limo im Kiosk besorgen und los gehts.
Wir haben nur eine Stunde Zeit, dann muss Jonas wieder weiter. Und da wir auch erst bei unserem Treffen schaffen abzuklären, welche Daten, Fakten Zahlen wir offiziell erwähnen wollen, kommen wir auch gleich auf Jonas Künstlernamen zu sprechen – Zeitfang.
Mit diesem hat sich Jonas eine Identität erschaffen, mit welcher er gezielt ausdrücken möchte was diese verkörpert. „Es geht mir vor allem darum, den Moment in seinem puren Dasein einzufangen. Ich möchte an diesem nichts verändern. Meine Fotos transportieren die Stimmung genau so, wie sie bei der Aufnahme gelebt wurde. Ich fange die Zeit ein und halte diese auf einem Foto fest. Eine Mood Production.
Meinen echten Namen möchte ich für mich behalten, weil ich diesen nicht als ‘dafür stehe ich mit meinem Namen’ These gebrauchen möchte. Es geht mir darum, mich in die Situation einzufügen und in dieser durch meine Präsenz keine Veränderungen auszulösen. Bei Studio Sessions mit Musiker*innen bin ich oft einfach nur so dabei und hänge mit ihnen ab. Dabei ist es auch okay, mal kein Foto zu machen. Und dann kommt wieder ein Moment, da drück´ ich ab.
Bei meinen Jobs bin ich daher zurückhaltend, angepasst und falle kaum auf.
Während ich privat super offen und kommunikativ bin“.
(Stimmt. Ins Rollen musste ich das Gespräch selbst nicht bringen. Bislang war meine einzige Frage an Jonas, ob er auch was vom Kiosk möchte.)
Auf diese Weise entstehen Fotoabzüge, welche den Betrachtenden ermöglichen, sich direkt mit diesen zu identifizieren – „Oft werde ich von irgendwelchen Artists angeschrieben, die mich direkt zu sich nach Hause einladen um über eine Kooperation zu sprechen. Obwohl sie mich nicht mal kennen oder wissen, wie ich aussehe“, lacht Jonas.
Foto: Plastic Clouds, Malina
Genauso wenig, wie Jonas beim Fotografieren selbst Einfluss auf die Szenerie nimmt, tut er dies bei der weiteren Filmverarbeitung und lässt dieser die Freiheit sich individuell zu entwickeln. „Ich hab keine Ahnung wie Photoshop funktioniert. Ich hab´ da mal kurz drüber geguckt, aber brauch es einfach nicht. Meine Aufnahmen brauchen diese nachträgliche Unterstützung nicht. Die machen das alleine und auch der Moment soll nachträglich nicht verfälscht werden“.
Man könnte meinen, Jonas nehme bei seinen Aufnahmen volles Risiko auf sich und der eingelegte Film könnte auch mal fehlerhaft sein.
„Klar, das Risiko ist bei der analogen Fotografie immer da. Aber lieber entscheide ich mich bewusst für eine analoge-, als für mehrere digitale Fotoaufnahmen, bei welchen man völlig den Überblick verliert, das Meiste nicht verwendet oder sowieso nie wieder ansieht.
Gestern auf dem Spektrum Festival hab´ ich ´nen Fotograf getroffen, der meinte, dass er abends noch über 1.200 Fotos sichten und bearbeiten wird.
Ich hab gestern knapp 100 Fotos geschossen, generell mach ich im Bühnengraben aber nicht mehr als 10.
Fotos: 1. Splash! Autotune Festival| 2. Sänger King Krule | 3. Spektrum Festival
4. Dockville Festival | 5. Lilly meets Kunsthalle Bremen | 6. Next Night, Rummel
Digital entstehen oft Film ähnliche Aufnahmen, da hierbei kein knappes Limit gesetzt ist. Da ist die Story der Fotos viel länger. Bei mir sieht man die Story auf einem einzelnen Bild“.
Hört man Jonas zu, merkt man direkt, wie selbstsicher er über sich und seine Arbeit redet. Ihm ist klar was er kann, was er will und wo er aktuell steht. Beeindruckend für jemanden, der 24 Jahre alt ist und derzeit noch in Oldenburg Sonderpädagogik und Kunst studiert.
Als ich ihn darauf anspreche, muss er kurz grinsen, fügt aber ernst hinzu, „man muss sich schon ein dickes Fell wachsen lassen. Sonst quatscht einem dauernd jemand rein. Dass ich meine Arbeit genau definiere, hilft mir auch bei der Kooperationsfindung mit Artists.
So haben diese auch die Möglichkeit direkt zu entscheiden - gefällt mir das oder nicht.
Das Beste ist, wenn man den gleichen Vibe feiert.“
Und was hilft dir dabei, dich und deine Arbeit so genau zu definieren?
“Also fotografiert habe ich eh schon immer. Anfangs digital mit der Digicam oder Spiegelreflex.
Aber ich würde sagen, es gab zwei Schlüsselmomente in meinem Leben die ausschlaggebend waren.
Den Ersten, als ich 2015 in New York war. Da gab es so viele tolle Motive, die wollte ich unbedingt festhalten und hab tausende Fotos mit meiner Spiegelreflex aufgenommen.
Damals hatte ich eine Klassenkameradin, die unsere letzten Jahre in der Oberstufe analog festgehalten hat. Dabei machte sie wenige aber bewusst gewählte Aufnahmen, welche eine ganz besondere Stimmung transportieren. Dadurch wurde unser Gemeinschaftsgefühl ganz neu gestärkt und die Fotos sieht man sich heute noch gerne an.
Das hat mich nachhaltig sehr inspiriert.
Als ich 2017 noch mal in New York war, hab ich mir vorgenommen, meine Motive ganz bewusst auszusuchen und hab´ jeden Tag nur ein Foto mit einer Polaroidkamera gemacht.
Dadurch habe ich gemerkt, dass man auf einem Foto oftmals mehr ausdrücken kann, als bei Serien-Aufnahmen.
So entdeckte ich die andere Möglichkeit, Fotos aufzunehmen.
Ab Ende 2017 hab ich dann nur noch analog fotografiert.
Und seit 2018 mache ich das als Zeifang.“
Fotos: 1. Cinestill | 2. Wien | 3. New Orleans | 4. London
Mit seiner gefundenen Identität geht es für Jonas schnell voran. Noch im selben Jahr (2018) startet er seinen ersten Fotografenjob bei einem Festival – Dem Spektrum in Hamburg. Zeitgleich finden das Dockville- und Artville-Festival in Hamburg statt, welche von den gleichen Veranstaltenden organisiert werden. So kommt es, das Jonas auch diese Festivals fotografisch dokumentiert.
„Auf ihrer Website werben die Veranstaltenden mit dem Slogan Momentaufnahme Beatkultur. Da dachte ich – das mach ich auch: den Moment festhalten und dabei das Gefühl der Alltagspause transportieren. Das hab´ ich denen einfach geschrieben und gefragt, ob sie Lust hätten, mit mir zusammen zu arbeiten.“
Hatten sie. Und mit den Festivals kamen auch die Anfragen der Musik-Artists, welche Jonas bei den Konzerten kennen lernte oder die nun auf seinen Instagram Account aufmerksam wurden.
Fotos: Rapperin Haiyti
Besonders während der Pandemie, in welcher Konzerte und Festivals abgesagt werden mussten, fanden diese Zeit für Portraitaufnahmen oder die Planung von Albumcovern.
Was zu Jonas´ neustem Projekt führte: Zeitersparnis. Dabei macht er ein Polaroidfoto von einer Künstlerin / einem Künstler und lässt diese auf der Rückseite zwei ihrer Lieblingslieder notieren sowie ein eigenes, selbstproduziertes.
So einfach sich die Entwicklung auch anhört, für Jonas ist klar, was hierbei dennoch laufend eine wichtige Rolle spielt – „Connections sind natürlich alles. Aber nicht nur, weil diese neue Jobs mit sich bringen können. Bei meiner Arbeit genieße ich auch das Vertrauen, welches mir entgegengebracht wird, oder die Zeit, die man gemeinsam verbringt. Und natürlich das gemeinsame Feiern der Kunst“.
Diese Erkenntnis brachte für Jonas den zweiten Schlüsselmoment mit sich, welcher ihn bei seiner beruflichen Selbstfindung bestärkte.
So gerät er besonders ins Schwärmen, wenn er von den musikalischen Artists Erotik Toy Records oder Paloma & The Matches erzählt, welche er seit längerer Zeit begleitet. Ob bei Konzerten, Touren oder einfach in deren Studios. „Wir haben einfach absolut das gleiche Feeling. Obwohl ich fotografiere und die anderen Musik machen“.
Fotos: oben - Paloma & The Matches, aus der Serie Zeitersparnis | unten - Die Band Erotik Toy Records
An sich eine traumhafte Vorstellung, aber Jonas erzählt auch von der Kehrseite. „Ich war ja eben knapp drei Wochen in Berlin. Da wurde ich auch dauernd angefragt und alle haben sich über Kooperationen gefreut. Aber ist man nicht mehr vor Ort, wird es auch schnell ruhig. Obwohl Hamburg nicht weit weg ist.
Es ist ein hartes Game und man selbst schnell ersetzbar. Daher bin ich froh, mir mit der analogen Fotografie ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen zu haben.”
Könnte Jonas sich mit diesem Wissen auch einen alternativen Job vorstellen?
„Nach dem Studium habe ich auf jeden Fall Lust parallel als Lehrer zu arbeiten. Das mit der Fotografie kann immer schief gehen. Wenn ich eine solide berufliche Basis habe, kann ich mich aber freier in der künstlerischen Welt bewegen. Dann wird meine Phantasie auch nicht von Existenzängsten eingeschränkt.
Meine größte Angst wäre aber immer noch Hochzeitsfotos machen zu müssen“ lacht er.
Dann klingelt Jonas’ Telefon - er muss los. Vorher möchte ich aber wissen, was als nächstes kommt.
„Auf jeden fall bin ich als Zeitfang unterwegs und gehe mein Projekt Zeitersparnis weiter an. Und sonst hab ich immer irgendeinen Geistesblitz. Da freue ich mich auch schon drauf“.
Wir freuen uns auch und bedanken uns hiermit bei Jonas für das inspirierende Gespräch
und dem gemeinsamen Zelebrieren der Kunst!
Anmerkung der UD-Redaktion: Unsere Interviews führen wir an unterschiedlichen Orten mit diversen Menschen. So entstehen unterschiedlichste Artikel, welche einen individuellen und freien Stil mit sich bringen.